Gottesdienste

Jesus Christus spricht: Wachet! (Markus 13,37)

Einmal im Jahr durchwachen wir tatsächlich mit den KonfirmandInnen eine Nacht – die Osternacht. Kommen Jesu Aufruf nach: Wachet und betet! Gehen der Passionsgeschichte in sieben Schritten stündlich auf den Grund, um dann morgens um 6 Uhr in der Kirche gemeinsam mit der Gemeinde den Auferstehungs-gottesdienst zu feiern. Wachet! Das dann wiederum eine besondere Herausforderung ist. In diesem Jahr werden wir uns nicht in der Kirche zu Gottesdiensten versammeln. Durch die Coronavirus-Epidemie sind wir mehr als sonst mit uns selbst beschäftigt und besorgter und unruhiger als sonst - schlaflos in der Nacht? Jeder, der das schon einmal mitgemacht hat, der weiß, was das bedeutet. Spätestens am nächsten Tag übermannt einen dann doch die Müdigkeit. Jesus kann das nicht gemeint haben: seid rund um die Uhr wach, raubt euch den Schlaf und auch nicht: arbeitet rund um die Uhr. Mit dem Monatsspruch für den März hören wir ein „Wachet“, das uns eher zur Wachsamkeit anstiften möchte. Seid wachsam, könnte man auch übersetzen, achtet auf die Zeichen der Zeit, denn – so der Zusammenhang in der Bibel – niemand weiß, wann der HERR wiederkommen wird, oder weniger fromm gesprochen: wann Du Gott in Deinem Leben begegnen wirst.

Reinhard Mey schrieb 1996 das Lied: „Sei wachsam“. Es war seine Reaktion auf die politische Diskussion, die sich in der Bundesrepublik seit der Wiedervereinigung in Deutschland in Bezug auf mögliche Auslands-Einsätze der Bundeswehr ergab. 1994 hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass es verfassungsrechtlich möglich sei, die Bundeswehr bei Auslandseinsätzen zu beteiligen, sofern ein NATO- oder UN-Mandat vorliege. Seitdem übernimmt Deutschland international auch wieder militärische Verantwortung. Ein heikles Thema, was uns weiter beschäftigt und auch heute wachsam sein lassen sollte. Reinhard Mey singt:

"Nie wieder soll von diesem Land Gewalt ausgehen!" / "Wir müssen Flagge zeigen, dürfen nicht beiseite stehen!" / Rein humanitär natürlich und ganz ohne Blutvergießen!" / "Kampfeinsätze sind jetzt nicht mehr so ganz auszuschließen."

Sie zieh'n uns immer tiefer rein, Stück für Stück, /  Und seit heute früh um fünf Uhr schießen wir wieder zurück! / Sei wachsam, Präg' dir  die Worte ein! / Sei wachsam, Fall nicht auf sie rein!

Pass auf, dass du deine Freiheit nutzt, / Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt! / Sei wachsam, Merk' dir die Gesichter gut! / Sei wachsam, Bewahr dir deinen Mut. / Sei wachsam. Und sei auf der Hut!“

Reinhard Mey ruft uns auf, unsere demokratische Freiheit zu nutzen. Uns zu informieren und mutig in den politischen Diskurs einzumischen. Am 22.3. werden wir abends um 18 Uhr in Billmerich diesem großen Liederdichter einen Gottesdienst widmen. Einige seiner Lieder werden dort Raum finden. Ich schließe mich Reinhard Meys Sehnsucht an, wenn er singt:

„Ich hab' Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen, / Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen, / Und verschon' mich mit den falschen Ehrlichen, / Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!

Ich hab' Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit, / Nach 'nem bisschen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit. / Doch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu lachen, / Sie wer'n dich ruinier'n, exekutier'n und mundtot machen, Erpressen, bestechen, versuchen, dich zu kaufen. / Wenn du die Wahrheit sagst, lass draußen den Motor laufen, / Dann sag sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt: / Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd.“

Den Menschen gehen damals unter Jesu Kreuz die Augen auf: „Seht welch ein Mensch! – Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ und einige werden wach. Dazu soll uns die Passionszeit 2020 helfen.

Eine gesegnete und wache Zeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Jochen Müller