Gottesdienste

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.
(Bibel: Evangelium nach Lukas, 6,36 - Jahreslosung 2021)

Verstehen wir das Wort „barmherzig“ heute überhaupt noch? Leben wir nicht eher in einer unbarmherzigen Zeit? Fehler werden bestraft. Der Ton wird immer rauer und manche schrecken sogar vor Gewalt nicht mehr zurück. In der digitalen Welt macht man sich lustig über die Unzulänglichkeit der anderen. Und in der realen Welt pochen Menschen lieber auf ihr Recht als großzügig oder sogar gnädig zu sein: „Sie hören von meinem Anwalt…“ Ist „barmherzig“ vielleicht tatsächlich zum Fremdwort in unserer Ellenbogengesellschaft geworden?

Am ehesten kennen wir das Wort noch aus der Geschichte des „barmherzigen Samariters“ (Lukas 10). Die Not des unter die Räuber Gefallenen lassen zwei Passanten gar nicht an sich rankommen und sie passieren ungerührt. Das passiert auch heute massenhaft, auch wenn unterlassene Hilfeleistung unter Strafe steht. Erst der dritte, der Samariter, ein Ausländer, ändert seine Laufrichtung: Barmherzig ist er, weil er sich die Not des anderen zu Herzen nimmt und – und jetzt wage ich einmal ein Wortspiel – und ihm warmherzig begegnet. Nicht kaltherzig passiert wie der Priester und der Levit, sondern es passiert etwas in ihm. Sein Herz versteinert nicht, weil er denkt, es könnte eine Falle sein oder „da könnte ja jeder kommen“, sondern handelt so, wie er es sich vom anderen gewünscht hätte, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären. Wenn er selbst da gelegen hätte. Barmherzig meint so handeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Ganz einfach. Nicht umsonst nennt man das „die goldene Regel“ – und ich füge hinzu: die goldene Regel der Barmherzigkeit. 

Wenn ich mir vorstelle, in unserem Land würde Krieg herrschen und jeden Tag müsste ich Angst vor dem Bombardement irgendwelcher Großmächte haben – was würde ich da wohl tun? Wenn ich mir vorstelle, meine Heimat würde durch die Wirtschaftsinteressen irgendwelcher Konzerne verwüstet und wird tatsächlich zur Wüste, was würde ich wohl tun? Wenn ich mir vorstelle, meine Firma müsste dicht gemacht werden, weil ein Virus die Arbeit unmöglich macht, was würde ich wohl tun? Und was würde ich mir wünschen, wie mir andere dann begegnen sollten? Einfach mal die Sichtweise ändern, das wird meine Einstellungen verändern: Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist (so übersetzt ein Anderer näher am griechischen Text) und macht damit deutlich: das was Gott schon ist, das sollen wir erst noch werden.

Jeden Tag neu werde ich mit der Jahreslosung also überlegen, wie barmherziges Handeln für mich heute aussehen wird und wie mein Handeln zu diesem barmherzigen Handeln werden kann. Beim Einkaufen, in der Stadt, in meiner Beziehung zu Be-kannten und Freunden, in den zufälligen Begegnungen im Straßenverkehr. „Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ Und wie ist das mit den Begegnungen mit Kollegen und Kolleginnen? Oder in der Familie – wenn ich mir den Rollentausch vor-stelle – was würde ich in dieser konkreten Situation von meinem Gegenüber, also von mir selbst erwarten? 

Rollentausch – ursprünglich meint „barmherzig“ das Mitklagen bei Trauer und Verlust, also Barmherzigkeit ist das gelebte „Herzliches Beileid“ – mit liebendem Herzen, das Leid des anderen teilen. Wobei wir das Leid des anderen nicht uns selbst anziehen: es bleibt ein Bei-Leid oder auch ein Mit-Leid, das Leid bleibt das Leid des anderen und doch lässt die Barmherzigkeit den Schmerz des anderen an unser eigenes Herz heran und verändert uns. 

Ich wünsche uns ein Jahr der Barmherzigkeit mit dem offenen Blick für unsere Mitmenschen, Mitgeschöpfe und Mitwelt denn schließlich ist Gott selbst aus Barmherzigkeit Mensch geworden, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben ererben. Darum: Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. 

Frohe Weihnachten und einen guten Start in ein hoffentlich besseres Jahr 2021 wünscht Ihnen im Namen der Kirchengemeinde

Ihr Pfarrer Jochen Müller