Details aus den Kirchenfenstern in Dellwig und Billmerich

Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.
(Die Bibel: Sprüche 16,24)


Honigseim? Erwartet mich hier am Anfang gleich wieder irgend so ein Geseiher? „Freundliche Reden sind Honigseim“ – das kennen wir doch nur vom sprichwörtlichen „Honig-um-den-Bart-Schmieren“ und meinen damit, dass man einem nach dem Mund redet ohne wirklich zu sagen, was man eigentlich meint und denkt. Aber darauf kann man doch verzichten, denn das ist ja sowieso alles nur Lug und Trug. Das kann die Weisheitsliteratur der Bibel aber nicht gemeint haben, wenn sie feststellt: Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder – doch was dann? Moment: Wer sagt denn, dass freundliche Reden automatisch gelogene Reden sein müssen? Es ist sehr wohl möglich freundlich mit anderen und auch über andere zu sprechen ohne das Blaue vom Himmel herunter zu lügen. Es kommt doch darauf an, wo wir unser Augenmerk hinlenken. Die leichteste Hilfe, um selbst zur freundlichen Rede zu kommen, ist Jesu Goldene Regel: Wie willst Du, dass mit Dir und über Dich gesprochen wird? So sprich auch mit und über andere! Wie sehr weiß ich es zu schätzen, wenn freundlich mit mir gesprochen wird – wenn ich willkommen geheißen werde in einem Restaurant. Wenn ich nach meinem Wohlbefinden gefragt werde nicht nur beim Arzt. Wenn sich einer für mich und mein Leben interessiert. Da kann allein die Frage: „Wie geht es Dir denn jetzt?“ zum Balsam für die Seele werden, wenn ich merke, da interessiert sich einer für mich. Darum bin ich davon überzeugt, dass Besuche in der Gemeinde eine Wohltat und eine Heilungstat vor Ort sind. Schön, dass unsere Besuchsdienste in den letzten Wochen Verstärkung gefunden haben. Obwohl wir mehr Kommunikationsmittel als jemals zu vor zur Verfügung haben, ist es aber mit den Freundlichen Reden ähnlich wie mit dem Bienen – so scheint mir: sie sterben. Der Ton wird nicht nur in der Politik und der Gesellschaft rauer. Wir sind viel schneller bei dem, was uns nicht gefallen hat als bei dem, was uns gefallen hat. Auch unsere privaten Maßstäbe haben sich sozusagen globalisiert. Bis hin zu dem verstörenden Satz einer jungen Mutter, die einmal feststellte: „Ich lobe ja nicht jedes Krickelkrakel meiner Kinder. Da muss schon ein bisschen was kommen.“ Und ich denke: man sieht doch, ob ein Kind sich bemüht hat oder nur mal schnell was hingeschmiert hat. Und selbst in einer schnellen Skizze liegen manchmal künstlerische Wahrheiten, die es durchaus zu beachten lohnt. Die Bibel empfiehlt uns an verschiedenen Stellen, darauf zu achten, was und wie wir es sagen. Im Jakobusbrief werden wir vor der Macht der Zunge gewarnt: Siehe, auch die Schiffe, obwohl sie so groß sind und von starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wohin der will, der es führt. So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rechnet sich große Dinge zu. (Jak 3,4-5) Worte haben eine unglaubliche Macht. Manche Sätze, die wir als Kinder aufgenommen haben, prägen unser Verhalten bis ins Alter hin. Vernichtende Sätze – „Krickelkrakel“ oder „Der kann das nicht“ oder „Du kannst nicht singen“ – haben dabei oft eine größere Macht als die aufbauenden Worte. Es braucht unzählig viel mehr gute Worte, um einem bösen Wort die Macht zu nehmen. Darum lohnt es, sich der Macht der Worte bewusst zu sein und dann seine Worte so zu setzen, dass sie wie heilender Honig für Körper und Seele ausfallen. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Frühsommer mit summenden Bienen, süßen Begegnungen und heilenden Gesprächen.


Ihr Pfarrer Jochen Müller