Gottesdienste

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen 

(Apostelgeschichte 5,29)

Ein Vers, der uns scheinbar zum Protest gegen jegliche politische Entscheidung aufruft. „Jawoll,“ werden die Querdenker jetzt vielleicht jubeln: „steht doch schon in der Bibel. Wir machen bei den Beschränkungen nicht mit.“ Doch worum geht es eigentlich in der entsprechenden Bibelstelle?
Im konkreten Fall der Apostelgeschichte verbot der Hohe Rat Petrus und Johannes, öffentlich zu verkündigen, dass Jesus auferstanden sei. Der Hohe Rat befürchtete Unruhe unter dem Volk. Daraufhin sagten die beiden: „Wir können‘s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ Eigentlich ist dieses Bibelzitat also der Grundstein der freien Meinungsäußerung. Petrus und Johannes werden wegen ihres Glaubens in der Verkündigung eingeschränkt – und nicht weil der Hohe Rat es für epidemiologisch notwendig hält Kontakte zu reduzieren. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ ist also nicht die Erlaubnis alles zu tun, was man für Gottes Willen hält und sich über sämtliche staatliche Anordnungen hinwegzusetzen. Der Apostel Paulus schreibt sogar: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“ Und auch hier ist ein einseitiges Verständnis, wie es die „Deutschen Christen“ im NS-Regime gepredigt haben, allzu unangebracht! Die Sache mit dem Verhältnis von Staat und Gemeinde ist also schon in der Bibel wesentlich komplexer als der aus dem Kontext gerissene Monatsspruch das vermuten lassen könnte. 
Aber woher nehmen wir dann die Kriterien, wann Widerstand nötig ist? Die politische Entscheidung, Minderheiten zu verfolgen und ihnen das Recht auf Leben abzusprechen, wie es unter dem NS-Regime geschehen ist und auch heute noch in der Welt passiert, ist sicherlich eine solche Entscheidung, der mit dem Widerstandszitat aus der Apostelgeschichte zu begegnen ist.
 Vielleicht ist die Frage nach der richtigen Abwägung auch nicht ganz so leicht zu beantworten, weil es notwendig ist, über unsere grund-legende Werte Rechenschaft abzulegen. Jesu ethische Zusammenfassung im Doppelgebot der Liebe scheint mir da nach wie vor hilfreich zu sein: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Was sich mit der Liebe nicht vereinbaren lässt, das dürfen und müssen wir kritisieren. 
Und auch das ist nicht so einfach, wie ich an einem Beispiel veranschaulichen möchte: Da es sich um ein doppeltes Gebot handelt, kann es dabei zu Widersprüchen kommen. Jetzt in der Coronapandemie könnte man ja sagen: Dem Gebot „Du sollst Gott lieben“ ist nichts vorzuziehen, darum müssen wir natürlich Gottes-dienste in Präsenz feiern.“ Doch wenn man nachdenkt, dann könnte man auch sagen: „Dem Gebot der Nächstenliebe ist nichts vorzuziehen, darum dürfen wir natürlich keine Gottesdienste in Präsenz feiern, weil wir ja niemanden infizieren wollen.“ Ja, wie denn nun?
Eine einfache, schwarz-weiße Antwort gibt es damit also auch nicht, sondern die schwierige Entscheidung wird abhängig von der jeweiligen Situation und der persönlichen Glaubenserfahrung anders lauten. Der Gedankengang zeigt aber auch, dass ein Absolutheitsanspruch in dieser Frage nicht angebracht ist: Es ist nicht Gottes Befehl, sich den Infektionsschutzauflagen zu wider-setzen und den wissenschaftlichen Rat zu ignorieren.
Ich denke am Ende wird uns der Maßstab der Liebe dahin führen, uns so zu verhalten, dass wir möglichst viele Menschenleben schützen und dafür auch unangenehme Einschränkungen in unseren selbstverständlichen Freiheiten hinnehmen. Gott mehr gehorchen als den Menschen heißt dann auch, dass das Leben und die Würde eines jeden Menschen höher ist als alle wirtschaftlichen Erwägungen. Für uns als Kirchen-gemeinde ein Grund, warum wir auch in diesem Jahr bisher auf Gottes-dienste und Veranstaltungen in Präsenz verzichtet haben. Gottes-Dienst ist aber nicht nur eine sonntägliche Veranstaltung. Es ist der Dienst in der Nachfolge Jesu im ganzen Leben: In der Familie, auf der Arbeit und in der Freizeit – und: Gottesdienst funktioniert auch im Internet. 
Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Zeit, die hoffentlich sehr bald wieder ein „normales Leben“ ermöglicht und wir uns – auch im Gottesdienst – wiedersehen. 


Für das Team

Ihr Pfarrer 
Jochen Müller und

Praktikant Simon Schwarz.