Gottesdienste

Gedanken zu eines Satz aus der Bibel von Pastor Jochen Müller.

Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit. (Bibel: Sirach 1,14)

„In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“ – ich erinnere mich an Poesiealbumsprüche. Heute sind es eher Freundebücher, die weiter-gereicht werden durch Klassen und Gruppen und man aufgefordert wird alles möglich über sich selbst preiszugeben: Lieblingsfarbe, Lieb-lingsessen, Lieblingsfach…. Früher war es das klassische Poesiealbum. „Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Sie werden Ihre ganz eigenen Erinnerungen haben. Oft sind diese kleinen Sprüche Weisheits-sprüche, die einfach Mut machen wollen oder die die ewige Freundschaft beschwören oder ganz einfach dem anderen „das Beste“ (also Segen) wünschen wollen. 
Der Monatsspruch für den September könnte ein solcher Poesiealbum-spruch sein: „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“ Den Spruch finden wir gar nicht in allen Bibeln, denn er stammt aus dem Buch Jesus Sirach, einem so genannten apokryphen Buch der Bibel. Diese Bücher sind nicht im hebräischen Kanon der biblischen Bücher ent-halten, sind so genannte „versteckte Bücher“ (Apokryphen) und stammen aus der Zeit sozusagen zwischen den beiden Testamenten. Martin Luther hat sie lediglich als „nützlich und gut zu lesen“ bezeichnet. Sie haben in unserer evangelischen Tradition keine herausragende Bedeutung und werden zum Beispiel fast nie als Predigttext vorgeschlagen. Dennoch heute dieser Weisheitsspruch aus dem Buch Jesus Sirach, einem umfangreichen Weisheitsbuch aus dem 2. Jahrhundert vor Christi. 
Ich weiß noch, wie wir in der Zeit der Poesiealbumsprüche uns lustig ge-macht haben über den Wissens-betrieb der Schule: „Wissen ist Macht. Nichtswissen macht auch nichts.“ Heute verstehe ich den Altpräses der EKD Wolfgang Huber, der vor 10 Jahren  bei einem Universitätsjubiläum klagte: „Inzwischen macht man sich über die Weisheit nicht mehr heimlich lustig; es geschieht vielmehr in aller Öffentlichkeit. Wissen ist Macht, Weisheit ohnmächtig. Dabei verhilft doch erst die Weisheit dazu, mit erworbenem Wissen angemessen umzugehen.“ Und dann führt er weiter aus: „Doch was ist die Quelle solcher Weisheit? Jesus Sirach sieht diese Quelle in der Gottesfurcht. Das ist erneut eine sperrige Auskunft. Denn die Gottesfurcht wird an der Börse des Wissens keineswegs als Wertpapier gehandelt.“ Er erklärt dann, dass mit Gottesfurcht aber keineswegs eine unbestimmte Angst gemeint sei, sondern vielmehr die Ehrfurcht vor Gott. 
„Es geht um eine Haltung, die Gott die Ehre gibt. Was könnte heute dringlicher sein als dies? Trotz neuer Religionsdebatten ist unsere Gegenwart noch immer von einer weitgehenden Gottvergessenheit geprägt. Sie aber taugt nicht als Axiom einer zukunftsfähigen Wissenschaftskultur. Wohin es führen kann, wenn die Unterscheidung zwischen dem ewigen Gott und dem endlichen Menschen vergessen wird, zeigt sich beispielhaft in der Unbefangenheit, in der manche Wissenschaftler von Unsterblichkeits-enzymen oder Ewigkeitsgarantien reden.“
Hier redet ein – wie ich meine – weiser Theologe. Das ist keine Poesiealbumtheologie mehr, sondern hier geht es um die Relevanz unserer Haltung zum Leben, zur Welt, zur Wissenschaft, zum Ganzen. „Gott lieben und ihn fürchten“ – so hat es Martin Luther in den Erklärungen zu den 10 Geboten in seinem Kleinen Katechismus als Cantus Firmus aufgenommen, ist der Anfang eines gottwohlgefälligen Lebens. Ehr-furcht oder wie es in der Traufrage heißt, den Partner „lieben und ehren und ihm die Treue halten“ – das ist der Anfang eines gelingenden Lebens in der Partnerschaft und „Gott lieben, das ist die aller-schönste Weisheit.“ 
Wir bemühen uns in unserer Kirchengemeinde für diese Ehr-furcht vor Gott, für unsere Got-tesliebe verschiedene Formen in unseren Gottesdiensten bereitzuhalten und laden ein, in dieses vielstimmige Liebeslied für Gott mit einzustimmen. Ich wünsche uns die Liebe Gottes und die Liebe zu Gott und grüße Sie im Namen des Teams, 

Ihr Pfarrer 
Jochen Müller