Gottesdienste

Gedanken zum Satz aus der Bibel: Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasset die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn (Neues Testament, Brief an die Epheser 4,26)

 

Von uns Christen wird erwartet, dass es bei uns irgendwie anders zugehen sollte als im Rest der Welt. Da sagt mir ein Ausgetretener: „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich festgestellt habe, dass die Leute morgens in die Kirche gehen und wenn sie rausgehen, alles vergessen ha-ben und manchmal schlimmer sind als die anderen. Reden und Handeln sollte doch zusammen-passen.“
„Bei euch Chris-ten müsste es doch anders sein“ – das meint auch Paulus, wenn er in seinen Briefen an die Gemeinden Empfeh-lungen schreibt, die unter den Überschriften „Weisungen für das neue Leben“ oder „Der alte und der neue Mensch“ oder „Leben aus dem Geist“ zusammengefasst werden. Aus eben solchen guten Empfehlungen stammt auch der Monatsspruch für den Februar: Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Bei euch soll es anders zugehen als im Rest der Welt – aber wie? Und: Wer kann denn überhaupt bestehen in „der Gemeinschaft der Heiligen“?
Heute also dieser konkrete Hinweis: Zürnt ihr – Moment: auch Paulus geht davon aus, dass Menschen in der Gemeinde erzür-nen. Er geht nicht von Friede, Freude, Eier-kuchen aus, sondern weiß, dass wir als Menschen zusammen sind und da kann es vorkommen, dass man ganz unterschiedlicher Meinung ist. Das ist nicht verwerflich, son-dern erst einmal eine Beobachtung. Doch wie gehen wir mit Konflikten um und hier: wie gehen wir damit um, wenn uns der Kamm schwillt, wie man umgangssprachlich wohl zum Zürnen sagt? Gehen wir auf die Straße und zünden Autos an? Das sei ferne! Beleidigen wir andere, weil sie nicht unserer Meinung sind? Das sei ferne! Reden wir lästerlich über andere, wie sie in unseren Augen einen Fehler begangen haben? Das sei ferne! Paulus sagt: Zürnt ihr, so sündigt nicht! Tut nichts, was euch hinterher leidtun würde und was eure Beziehung so vergiften würde, dass ihr euch nicht mehr begegnen könnt. Ja, aber wie geht das? 
Da kommt die zweite Hälfte des Satzes in den Blick: Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Man könnte auch sagen: Lasst es nicht zu, dass der Zorn sich in eure Seele frisst. Wenn der Zorn ein bisschen verraucht ist, dann bedenkt, dass auch euer Kontrahent ein Mensch ist, ja ein von Gott geliebter Mensch und dann sucht Wege des Friedens – und das nicht erst zum Sanktnimmerleinstag: lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Auch in unseren Beziehungen ist es sinnvoll, sich wenigstens zum Abend hin wieder zu vertragen – wer weiß denn, ob morgen noch Zeit dafür ist?
Ja, wir werden als Christen daran gemessen, ob unser Reden zu unserm Tun passt, doch dabei brauchen wir nicht so tun als wären wir Übermenschen oder schon Engel, die gar nicht erst wissen, was Zorn ist. Verdammt nochmal: der darf auch sein. Und wir dürfen sauer sein über die Entscheidung der anderen. Wir dürfen auch keine Lust mehr haben auf irgendwelche Einschränkungen oder sonst was. Aber wir wissen zugleich, dass wir dann auch Gott um seinen heiligen Geist bitten dürfen, dass unser Zorn uns nicht übermannt und uns zu Handlungen verleitet, für die wir uns später schämen müssten. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.

Und der Friede Gottes, der höher ist als das, was wir verstehen und begreifen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in der Liebe unseres Herrn Jesus Christus. Amen. Im Namen des Teams wünsche ich Ihnen auch in der kommenden Passions- und Osterzeit Ver-söhnungserfahrungen. 
Ihr Pfarrer Jochen Müller