Gottesdienste

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht Gott, der Herr. (Sacharja 2,14)

Wenn wir das erste Mal „Macht hoch die Tür“ gesungen und das erste Mal „Tochter Zion“ geblasen haben, dann fängt für mich die Advents- und Weihnachtszeit an. Schon als Kind beim Kurrendeblasen mit dem Posaunenchor haben wir „Tochter Zion“ – ohne zu übertreiben – jedes Jahr sicherlich 50mal geblasen und ohne es zu lernen, konnte ich es bald in- und auswendig. Immer noch klingt es in mir: Tochter Zion freu----e dich; jau----chze laut, Jeru--salem. Jingle bells und Last Christmas hingegen waren für mich noch Unbekannte. Und das Beste war dann, wenn wir noch den Triumphmarsch aus Judas Makkabäus hinterher geblasen haben. Jam dam dam dam Jam dam dam dam – immer noch rollen die Bässe in mir und ich spüre dieses erhebende Gefühl, den beschleunigten Puls, die Freude auf Weihnachten. Dabei war es ursprünglich von Georg Friedrich Händel als militärische Triumphmusik für den Herzog von Cumberland komponiert, nachdem er siegreich 1746 aus der Schlacht gegen die Schotten heimkehrte.
1820 dichtet dann Friedrich Heinrich Ranke einen neuen Text auf den Chorsatz des Triumphliedes „Seht, er kommt, mit Preis gekrönt“, das längst von Händel auch in seinen Oratorien Judas Makkabäus und Joshua aufgenommen worden war, und schafft das uns so vertraute Adventslied „Tochter Zion“. Wohl klingt die Musik noch so erhaben wie zuvor, doch jetzt zieht kein siegreicher Feldherr mehr ein, sondern jetzt reitet der HERR auf einem Esel nach Jerusalem ein: „Sei gegrüßet, König mild“. Schade, dass die vierte eindeutige Strophe nicht mit ins Gesangbuch aufgenommen worden ist: „Sieh! Er kömmt demüthiglich. Reitet auf dem Eselein, Tochter Zion freue dich! Hol ihn jubelnd zu dir ein.“ Der Einzug Jesu in Jerusalem (das Evangelium des 1. Adventssonntages, Matthäus 21,1-9), von den Menschen noch lauthals begrüßt mit Palm-zweigen und Hosiannarufen, wird zum alternativen Triumphzug der Liebe Gottes, die auf jegliche weltliche Macht verzichtet (dafür steht der Esel aus Sacharja 9) und zugleich die Versöhnungsliebe Gottes am Kreuz besingt. Darum wird das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem nicht nur zum Beginn der Adventszeit, sondern auch am Palmsonntag zum Beginn der Karwoche gelesen. 
Doch wer ist eigentlich diese Tochter Zion und warum soll sie sich freuen? Das Lied selbst gibt mit unserem Monatsspruch gemeinsam Auskunft: „Siehe dein König kommt zu dir!“ Das ist das, worauf wir uns in der Adventszeit vorbereiten mit Adventskalendern, mit Advents-fenstern und mit den Adventsliedern: Gott selbst kommt! Das feiern wir Weihnachten. Gott kommt zu den Menschen als Mensch, als Kind in der Krippe.
Mit der Tochter Zion hat der Prophet Sacharja rund 500 Jahre vor Christi Geburt noch ein anderes Kommen Gottes im Blick. Zion ist Jerusalem, vielleicht genauer noch der Tempelberg. Es ist das Versprechen, dass Gott selbst wieder im neu zu errichtenden Tempel zu Jerusalem einziehen wird. Ja und mehr noch, dass alle Völker zum Zion kommen werden und sich von Gott rufen lassen in sein Friedensreich. Das ist die Vision der Propheten. In einem anderen Gesangbuchlied dann so verdichtet: 
Es wird sein in den letzten Tagen, so hat es der Prophet gesehn, da wird Gottes Berg überragen alle anderen Berge und Höhn. Und die Völker werden kommen von Ost, West, Süd und Nord, die Gott Fernen und die Frommen, zu fragen nach Gottes Wort.
Es wird sein in den letzten Tagen, so hat es der Prophet geschaut, da wird niemand Waffen mehr tragen, deren Stärke er lange vertraut. Schwerter werden zu Pflugscharen und Krieg lernt keiner mehr. Gott wird seine Welt bewahren vor Rüstung und Spieß und Speer. Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn! (EG 426)
Der Musikwissenschaftler Joachim Stallmann resümiert: „Indem Ranke Händels Triumphchor neu textierte […], hat er musikalische Schwerter zu Pflugscharen […] umgeschmiedet.“


Ich wünsche ihnen ein gesegnetes gutes Jahr 2022,  
Ihr Pfarrer Jochen Müller